Ich segel also denk ich

IV. Zwischenbericht – 120 Tage auf der Tine

Vier Monate sind wir jetzt schon auf unserer Tine. Der Moment ist gekommen, dass wir weniger Zeit zum Segeln übrig haben, als wir schon unterwegs sind. Nur noch zweieinhalb Monate bis unsere Elternzeit zu Ende ist. Zweieinhalb Monate klingt noch sehr lang, allerdings ist der Zeitpunkt auch absehbar. Entgegen meines Wunsches durch diese Reise mehr den Moment zu leben, denken wir schon daran wie es sein wird, wenn die Reise vorüber ist und wir nach Hause zurückkehren. Kann man einfach in sein altes Leben zurück nachdem man sieben Monate so anders gelebt hat? Ich wollte mehr im Moment leben, deswegen sollte mich die Frage nicht zu sehr beschäftigen. Ob ich es noch schaffen werde mehr das aktuelle Geschehen zu genießen, als darüber nachzudenken was sein wird? Oder ist es mir einfach nicht gegeben? Vielleicht kann ich mir diese Eigenschaft in den nächsten zwei Monaten noch antrainieren? Es ist ein Prozess sich zu ändern, ich muss mir also Zeit lassen…

Uhrwerk in Guernsey

Anderseits geht es bei unserer Segeltour ja auch immer darum zu planen, wo wir als nächstes sein werden. Das Planen des nächsten Schrittes, beziehungsweise der nächsten Tour gehört unabdinglich dazu. Vielleicht kann man den Moment genießen und nach dem Moment trotzdem an morgen denken? Vielleicht muss ich meine Erwartung an den Genuss des Moments anpassen nicht mein denken?

Genussmoment als Familie – Frühstückspicknick vor dem Castillo San Ramón (siehe Titelbild) in Las Negras

Eigentlich genieße ich den Moment gerade sehr! Wir liegen in einer fantastischen Ankerbucht mit türkisenem, angenehm frischem, aber nicht zu kaltem Wasser. Die Küste ist wunderschön, die Sonne scheint und ich habe das Schnorcheln für mich entdeckt…ich entdecke langsam. Meine Haiphobie taucht noch mit, aber immerhin schnorchle ich und ich werde auch schon etwas mutiger. Es ist wunderschön Unterwasser! Verschiedene Fische schwimmen überall, das Muster der Wellen im Sand, die verschiedenen Pflanzen, einfach traumhaft. Und wenn so ein fantastisch sonniger Tag, voller Schwimmen und Schnorcheln vorbei ist, dann bildet sich über uns ein Sternenhimmel ab, wie ich ihn vorher noch nicht gesehen habe.

Ich schnorchel! Das hätte ich vorher nie gemacht

Wir können uns gut vorstellen diese Reise fortzusetzen. Wir denken darüber nach wie wir in Zukunft weiterhin solch tolle Segeltörns machen können. Man ist mit dem Segelboot tatsächlich nicht schnell unterwegs. Dafür haben wir in den letzten vier Monaten über 2000 Seemeilen zurückgelegt und haben wahnsinnig viel gesehen. Vor allen Dingen auch viele Orte, an die man ohne Boot nicht unbedingt gereist wäre. Es hat etwas sehr erfüllendes ständig in Bewegung zu sein, um neue Orte zu erkunden ohne genau zu wissen, was das nächste Ziel sein wird. Denn Wind, Wellen, Wetter, Crewstimmung beherrschen am Ende das tatsächliche Ziel. Wer wie ich dazu neigt auf der Suche zu sein, dem kann das Gefühl davon permanent in Bewegung zu sein den Eindruck vermitteln eher zu finden was man sucht. Suchen und bewegen passen gut zusammen.

Tine vor Anker in einer traumhaften Bucht vor Las Negras

Und Fiete und ich wir passen auch gut zusammen. Nach vier Monaten, die wir knapp 24 Stunden zusammen auf 10 Quadratmetern verbringen haben wir noch immer keine Scheidungsgedanken entwickelt. Wir finden, das ist schon eine herausragende Leistung. Im Alltag sind wir zwar oft voneinander getrennt, weil Fiete zwei Wochen im Monat außerhalb arbeitet, aber so viel enge Zeit miteinander, wie wir sie jetzt haben, haben auch nicht viele Paare. Wer also behauptet wir verstehen uns nur so gut, weil wir uns so selten sehen hat nach dieser Reise den Gegenbeweis. Eigentlich haben wir das auch nie in Frage gestellt. Ganz im Gegenteil: wir sind uns sicher, dass diese Erfahrung uns einander näher bringt, als alles andere was wir bisher zusammen erlebt haben. Daher genießen wir unsere verbleibenden zweieinhalb Monate auf dem Boot in allen Zügen und freuen uns auf das, was noch kommt.

Ein Kommentar

  • Sylvie Nautré

    Ce sont des pensées très intimes. Je suis un peu étonnée que tu les confies ainsi ! C’est une autre époque ! Toujours heureuse de te lire.

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