Ich segel also denk ich

II. Zwischenbericht nach 60 Tagen auf dem Boot

Nach zwei Monaten, 60 Tagen und knapp 1000 Seemeilen auf dem Boot ziehe ich erneut Bilanz: Auf dem Boot leben ist viel anstrengender, als in einem großen Haus. Kochen, Aufräumen, putzen, selbst auf Toilette gehen ist anstrengend. Vor allem wenn man segelt. Toilettengänge in Schräglage gleichen einer sportlichen Höchstleistung. Bisher hatte ich wirklich selten Penisneid, aber auf dem Boot ist er sehr stark ausgeprägt. Das wäre so viel praktischer, um beim Segeln den Toilettengang zu erledigen.

Kochen ist ganz nett, wenn man draußen das Schnibbeln erledigen kann, wenn man das auch noch innen machen muss, wird es echt eng. Wenn der Supermarkt 1,5 Kilometer vom Hafen weg liegt wird schon das Einkaufen eine sportliche Herausforderung.

Chaos im Boot

An Tagen wie heute – es regnet schon die ganze Nacht und den ganzen Tag – fehlt es definitiv an Ausweichfläche. Nach draußen kann man nicht, da ist es unschön und der fehlende Komfort im Boot kulminiert bei solchem Wetter. An verschiedenen Stellen tröpfelt es hinein, dementsprechend müssen überall Sachen zum Trocknen aufgehangen werden. Obwohl man es bei solchem Wetter eigentlich muckelig und gemütlich haben möchte, sieht es also total chaotisch aus. Zudem hatten wir zwei Ikeasäcke voll Wäsche zu waschen und das Kind möchte aus Ermangelung eines Spielplatzes ihr Spielzeug auf den 10 Quadratmetern Boot überall verteilen. Da kann man schon mal einen Bootskollaps kriegen.

Wäsche im Choasboot

Ich muss außerdem feststellen, dass wir bonzig wirken, weil wir mit dem Segelboot unterwegs sind, bzw. weil wir ein Segelboot besitzen. Aber unter den Seglern sind wir auf jeden Fall die „Assis“. Wir haben keine Bootsschuhe, spritzen unser Boot nicht von oben bis unten mit salzfreiem Wasser ab, wenn wir im Hafen ankommen, keine Stoffbezogenen Fender, keine mit Namen bedruckten Segel und haben definitv weniger Komfort als die meisten Segelboote um uns herum. Etwas mehr Komfort wäre schon nicht schlecht, vor allem, wenn man mit zwei Kindern unterwegs ist.

Sonnensegeln an der Küste der Bretagne

Und dann kommt ein traumhafter Segeltag bei schönstem Sonnenschein und einer herrlichen Aussicht auf eine wunderschöne Küste. Oder man geht in die Stadt, in der man angelegt hat und ist überrascht wie schön es dort ist. Und man wird sich dessen bewusst, dass man diesen Ort ohne Segelboot niemals bereist hätte. Zudem erlebt man auf einem Boot so viel, dass man es kaum verarbeiten kann. Manchmal hat man am Abend schon vergessen wo man am Tag zuvor eigentlich war. Daher bin ich euch dankbar, dass ich das hier aufschreibe, weil ich es für uns allein wahrscheinlich nicht getan hätte und dann wirklich kaum noch hätte berichten können, was wir alles erlebt haben. Die Eindrücke sind so vielfältig, wie ich es vorher noch nie erlebt habe.

Die Große beim Dokumentieren der vielfältigen Eindrücke

Das heißt, ja, segeln ist immer noch viel schöner, bei Sonnenschein und Wärme als bei Regen und Kälte. Aber wir kommen der Sache langsam näher. Wir hatten gehofft wir kommen schneller in den Genuss von Sommer, aber dazu muss man mittlerweile scheinbar in Berlin bleiben. Und da wir Berlin eigentlich ganz gut kennen, ist das erstmal keine Option. Vielleicht im nächsten Jahr, wenn wir dann Pleite sind.

Es ist wirklich eine tolle Erfahrung und ich bin eigentlich ganz froh, dass wir nicht zu den bonzigen Seglern gehören, dass wäre ja noch viel anstrengender. Außerdem sind wir dafür dann doch zu jung, vielleicht wenn wir unsere Weltumsegelung im Rentenalter machen…

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