Die Tour

8. La belle Normandie (Part 1)

Am Abend in Boulogne-sur-mer überlegten wir hin und her: bleiben oder weiterfahren? Das Wetter war gut genug um weiterzufahren. Allerdings hätte Fiete wieder im 4:30 Uhr aufstehen müssen, um die Strömung mit uns zu haben und das war er ja bereits die Nacht davor. Das war anstrengend. Der Hafen von Boulogne war nicht besonders schön, die Altstadt aber schon und die hatte sich Fiete noch gar nicht angesehen, da er sich auf dem Boot ausgeruht hatte, als wir die Stadt erkundeten. Also tendierten wir eher zum Bleiben. Fiete stellte sich den Wecker trotzdem auf 4:30 Uhr und wollte dann situativ entscheiden. Als der Wecker klingelte wurden wir beide wach. Fiete stellte ihn aus und meinte er hätte keine Lust. Wir legten uns also wieder hin. Dann viel mir ein, dass der Bus der uns zur oben liegenden historischen Altstadt gebracht hatte, nicht am Sonntag fuhr. Das sagte ich Fiete noch, bevor ich wieder einschlief. Das fand er scheinbar so entscheidend, dass er dann doch aufstand und lossegelte. Nächster Stopp war die Stadt Dieppe in der Region Normandie. Als Kind habe ich oft Urlaub in der Normandie gemacht. Ich freute mich, wieder mal dort zu sein, dass letzte Mal war 20 Jahre her…

Von Boulogne-sur-mer nach Dieppe waren es 56,4 Seemeilen. Die Überfahrt verlief ganz ruhig. Als wir aufstanden war es trotz leichtem Regen und Wind ziemlich gemütlich draußen, weil Fiete die Kuchenbude hatte stehen lassen. So konnten wir windgeschützt draußen frühstücken. Der Regen lies auch langsam nach. Unser Mini übernahm kurzerhand die Pinne mit Hilfe des Autopiloten. Die Fahrt war sehr schön. Die Küste der Normandie ist von Kreidefelsen gesäumt, die ein sehr schönes Licht spiegeln. Das Meer wurde langsam türkis, der Anblick war sehr schön.

Kreidefelsen der Normandie

Wir kamen um kurz nach 18 Uhr nach 12,5 Stunden Fahrt an. Wir waren sehr froh als wir in Dieppe einliefen, da der Hafen wirklich sehr schön ist. Das Hafenbecken ist rundherum von barocken Häusern gesäumt und war für uns der schönste Hafen in dem wir bisher angelegt hatten. Den ersten Abend verbrachten wir ganz ruhig im Hafen. Nur mit der Großen ging es noch mal aufs Karussell und auf das daneben liegende Trampolin für den entsprechenden Bewegungsfaktor. Wir waren in der folgenden Woche mit meiner Mutter in Saint-Valéry-en-Caux verabredet, weswegen wir einige Tage in die Dieppe verbringen wollten, vor der Weiterfahrt.

Hafen von Dieppe

Dieppe ist eine sehr schöne Stadt mit wunderschönen Kirchen, einer hübschen Einkaufsstraße, einer Strandpromenade, guten Restaurants und netten Geschäften. Die Steilküste und die Farbe des Meeres waren malerisch. Die normannische Küste und ihr schönes Licht haben viele Künstler des 19. Jahrhunderts als Motivvorlage genutzt, weswegen man an verschiedenen Stellen der Stadt Infotafeln findet, die darauf hinweisen, dass an dieser Stelle jener oder welcher Maler stand, um sein Gemälde zu malen. Neben der schönen Altstadt hat Dieppe noch ein Schloss auf der Steilküste und einen sehr großen, stark frequentierten Spielplatz in der Nähe vom Strand zu bieten. Der Strand selbst ist leider nur ein Steinstrand, aber zum Steine sammeln reichte das allemal. Wir blieben insgesamt vier Tage in Dieppe, wovon wir drei Tage den Spielplatz besuchten. Vorher oder hinterher konnten wir immer noch ein bisschen Sightseeing und Kutur ins Tagesprogramm einbinden.

Blick auf Dieppe mit der Kirche Saint-Jaques in der Mitte

Wir besichtigten zum Beispiel die Kirche von Saint-Jacques. Die Kirche ist leider in einem sehr schlechten Zustand, aber trotzdem beeindruckend schön. 1282 fertiggestellt im Stil Flamboyant, also ein für die französische Spätgotik charakteristischer Stil. Flamboyant heißt so viel wie „flammend“ und man weiß was gemeint ist, wenn man die Architektur betrachtet. Oder wie die Große sagte: „Booaar, wie geht denn so was?“

Die Innenstadt und das Schloss besuchten wir selbstverständlich auch. Die Große bekam sogar einige Spielkameradinnen auf dem Spielplatz , weswegen sie sich dort auch sehr wohlfühlte. Als besonderes Highlight für die Große spazierte ein Mädchen mit ihrem Zwergkaninchen jeden Tag über den Spielplatz. Sie ließ die Kinder ihr Zwergkaninchen streicheln und die Große durfte das flauschige Knäul sogar mal halten. Wir nutzen die Zeit in Dieppe auch dazu um Fiete mal die wilde Wolle vom Kopf zu scheren. Nach sechs Wochen ohne Haare schneiden, war da einiges zu tun. Die Erfahrung war auch interessant. Im Cockpit unter der Kuchenbude Haare schneiden… eine neue Herausforderung. Es wurde kein perfekter Schnitt, aber immerhin sah er wieder aus wie mein Mann.

Am 24.05 ging die Fahrt dann weiter nach Saint-Valéry-en-Caux. Das Städtchen lag nur 15 Seemeilen entfernt und war somit schnell erreicht. Dieser Ort war schon in der Kindheit meiner Mutter ein beliebtes Ferienziel für ihre Familie. Die Tradition setzte sie fort und war auch mit uns einig Male in Saint-Valéry. Einmal war ich sogar mit meiner besten Freundin dort, deswegen hatte ich diverse lustige Erinnerungen an das Städtchen.

Saint-Valéry-en-Caux

An der Hafeneinfahrt erwartete uns schon winkend meine Mutter. Sie war ganz aufgeregt uns nach zwei Monaten wiederzusehen. Der Hafen von Saint-Valéry-en-Caux ist nur über eine Schleuse und eine Brückenöffnung zu erreichen, aber das Fenster in welchem die Schleuse geöffnet war, war zum Glück relativ groß. Nachdem wir angelegt hatten wurde sich erstmal herzlich begrüßt. Die Große war ganz aufgeregt ihre Oma wiederzusehen und hatte ihr ganz viel zu erzählen. Meine Mutter hatte eine kleine Wohnung gemietet in welcher sie zehn Tage verbringen wollte. Dort aßen wir in den nächsten Tagen des Öfteren. Den ersten Abend gingen wir aber erstmal im Restaurant essen und ließen den Abend gemütlich ausklingen. Die nächsten Tage verbrachten wir zusammen in Saint-Valéry-en-Caux, wobei Fiete und ich ganz froh waren, dass die Große auch mal ohne uns mit der Oma beschäftigt war.

Kloster in Saint-Valéry

Wir machten einige Spaziergänge, waren oft auf dem Spielplatz und sehr motiviert baden zu gehen. Leider war es dafür immer noch zu kalt und da es auch in Saint-Valéry-en-Caux nur Steinstrand gibt, waren die Bedingungen erschwert. Eigentlich konnte man nur bei Niedrigwasser baden, da es der einzige Zeitpunkt war, wo etwas Sand da war, um ins Wasser zu gehen. Nur so taten einem die Füße nicht schrecklich weh, wenn man ins Wasser stieg. Die Große und ich schafften es am dritten Tag immerhin bis zum Oberschenkel zu baden. Für mehr reichte es noch nicht. Dafür genoss die Große es sehr, dass man tolle Muscheln bei Niedrigwasser fand. Die Sammlung wurde größer. Wir unternahmen auch eine kleine Segeltour mit meiner Mutter, die auf diese Weise den Ort Saint-Valéry-en-Caux aus einem ganz anderen Blickwinkel kennenlernte.

Saint-Valéry-en-Caux von der „Falaise“ aus

Am 27.05. wollten wir dann weiter. Immerhin hatten wir ja noch ein bisschen Strecke vor uns. Der Plan war nach Le Havre zu segeln. Auch diesmal stand Fiete wieder früh auf, um die Öffnung der Schleuse zu erwischen. Um 5:30 Uhr ging es los. Ich überlegte erst ob ich mit ihm aufstehen sollte. Da ich aber schlecht geschlafen hatte und das Mini in der Nacht so oft wach war, probierte ich doch noch mal einzuschlafen. Wir hatten den Wind und die Strömung gegen uns und schaukelten deswegen sehr hin und her. Zudem hatten wir so eine Schräglage, dass es nicht lange dauerte bis alles hin und her rutschte. Die Große wurde wach und meldet sogleich Bauchweh an. Ich probierte noch sie anzuziehen, um sie nach draußen zu bringen, bei diesem Versuch übergab sie sich in einen Topf, den ich zum Glück schnell parat hatte. Während ich noch versuchte ihr die Socken anzufummeln merkte ich, dass sich mein Magen auch langsam umdrehte. Ich rief also Fiete runter und rannte dann auch schon nach oben. Leider musste ich mich dann auch übergeben. Man sagt ja, dass es einem nach dem Übergeben besser geht, aber bei Seekrankheit dauert das doch ein bisschen länger. Da ich nur im Nachthemd war, wurde mir dann auch schnell kalt. Runter gehen und was anziehen war aber ausgeschlossen. Zudem wollte Mini dann auch gestillt werden. Fiete hatte alle Hände voll zu tun und ich fühlte mich unfähig irgendwie zu helfen. Er gab mir unsere große Bettdecke zusammen mit dem Mini raus und zusammen schliefen wir schließlich oben an der frischen Luft wieder ein. Die Große war unten wieder eingeschlafen. Leider wurde es bei uns beiden nicht wirklich besser. Als die Große wieder wach war und von einem kleinen Stück Banane sofort wieder erbrach, entschied Fiete, dass wir doch lieber einen Zwischenstopp in Fécamp einlegen und nicht bis nach Le Havre segeln sollten.

Hafeneinfahrt von Fécamp

Daher kamen wir nach nur drei Stunden Segeln zum Hafen von Fécamp. Um Fiete dann doch noch beim Anlegemanöver zu unterstützen ging ich nach unten, um mir mal mehr als ein Nachthemd anzuziehen. Selbst in der Hafeneinfahrt war mir noch so übel, dass ich mich nochmal übergeben musste. Glücklicherweise hatte ich nur den Rest von der Banane gegessen, die schmeckt ja bekanntlich rein wie raus, wie Seefahrer so schön sagen. Das Anlegen klappte dann aber trotzdem ganz gut. Kaum waren wir da, ging es uns auch schon wieder gut. Wir sind aber trotzdem nicht gleich wieder los, sondern blieben in Fécamp. Wenn wir schonmal da waren…

Nachmittags trafen wir uns dann nochmal mit meiner Mutter, die mit dem Bus von Saint-Valéry-en-Caux nach Fécamp gekommen war, um uns nochmal zu sehen. Wir gingen zusammen in die Benediktiner Abtei, wo der berühmte Kräuterlikör Bénédictine hergestellt wird. Die Architektur der Bénédictine in ist sehr beeindruckend. Das Gebäude wurde um 1900 von Alexandre Le Grands erbaut, der damals schon ein Museum und eine Destillerie für die Produktion des Likörs einrichten lies. Die Bénédictine ist der einzige Ort der Welt, an dem der Likör hergestellt wird. 3,5 Millionen Flaschen sind es wohl jährlich.

Bénédictine von Fécamp

Nach unserem Besuch in der Bénédictine nahm meine Mutter den letzten Bus zurück nach Saint-Valéry-en-Caux und wir machten noch einen kurzen Stadtbesuch. Eigentlich wollten wir am nächsten Tag weiter fahren, aber der Wind war gegen uns und so blieben wir einen weiteren Tag in Fécamp. Den nächsten Tag wollten wir in Ruhe auf dem Boot verbringen, gingen dann aber doch noch auf den Spielplatz und in die Innenstadt, um auch den Rest der Stadt etwas kennenzulernen. Wir entdeckten noch weitere recht schöne Teile von Fécamp. Die alten Mauern der antiken Benediktiner Abtei, in der die Mönche wohl das Rezept für den Likör erforscht hatten und wieder einige hübsche Kirchen.

Ruinen der alten Benediktiner Abtei in Fécamp

Außerdem fanden wir einen schönen Buchladen, in welchem wir für die groß ein wunderschönes Kinderbuch und „Le petit pecheur et la baleine“ (Der kleine Fischer und der Wal) kauften und wir entdeckten so verrückte Sachen wie einen Baguetteautomaten. Auch noch nicht gesehen. Außerdem stellten wir fest, dass man in Fécamp scheinbar wenig Eis isst, da die Eisdielen noch geschlossen hatten. Also gab es ausnahmsweise mal ein Eis von McDonald’s. Wir wollten abermals nächsten Tag weitersegeln, doch der Wettercheck am Abend sprach wieder mal dagegen. So wurde zwangsweise ein weiterer Tag in Fécamp angehangen. Wir waren etwas genervt. So viel Zeit wollten wir dann doch nicht dort verbringen und bei schlechtem Wetter machte es dann auch nicht mehr so viel Spaß. Tags darauf, am 30.05., kam dann aber endlich das ersehnte Wetterfenster und wir segelten weiter. Wir machten uns auf nach Le Havre.

6 Kommentare

  • Henning

    Danke für den aufschlussreichen und schönen 8. Bericht (1. Teil). Die tollen Fotos machen alles nochmal anschaulicher. Jetzt laure ich auf den 2. Teil. Weiter eine gute Zeit.

    • Julie

      Sehr gerne 🙂 Ich tue ja so als würde ich es für euch machen, aber es ist auch wirklich schön, dass alles aufzuschreiben. Sonst würden wir sooo viel vergessen bei allem was wir erleben!

  • Miri

    Oh jeh, da hat es euch aber erwischt. Vielen Dank für deine schönen Berichte, insbesondere auch die Erwähnungen der schönen architektonischen Bauten! Ich freue mich immer weiterlesen zu können und die schönen Bilder zu betrachten! Ich habe Benny schon gesagt, dass wir in spätestens 20 Jahren auch unbedingt segeln gehen müssen! ?

    • Julie

      Da freue ich mich sehr, wenn es euch gefällt und euch dazu animiert auch segeln zu lernen 😉 In 20 Jahren dann die Weltumsegelung zu viert? Wär doch mal ne Idee…

  • Nautré Sylvie

    Heureuse de lire la description de votre séjour en Normandie. Les photos sont très bien choisies, style flamboyant à Dieppe. L’épisode du mal de mer avant Fétampes à dû être difficile ce qu’on ne remarquait pas lors de la visite de la Bénédictine.

    • Julie

      C’est toujours passer vite quand on arrive ou port. Ca ne dure pas longtemps, mais c’eat pas agreable tu tout quand on est malade en mèr.

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